Nov
15
2009
0

1813 - unterwegs/die graue Frau

Rauschendes, rollerndes, pockriges Wummern dröhnt bis in die Winkel und füllt den bogenüberdachten offenen Raum namens Bahnhof, als ich über abgenutzte, gummibeklebte Stufen den Zug gen Dann erklimme.
Einstige Luft schlägt mir entgegen, voll nachgehangener, zurückgebliebener Gedanken, eine schwere, schwüle und verbrauchte Luft, schon berührt und durchwirbelt von neuen alten Gedanken, Reisegedanken, Erinnerungen an das Gerade-noch, Hoffnungen auf das Bald-schon, voller Ach-schade, Und-gleich und Hmm. Ich rieche die  Einsamkeit im Getümmel, spüre, wie jeder seinen Pfaden nachhängt, sie alle vereint in der Schicksalsgemeinschaft der Bahnfahrer, ausgeliefert dem Bahngott und seinem sarkastisch-satyrischen Humor.
Ein letzter freier Sitzplatz, als hätte er nur auf mich gewartet, lasse ich mein Reisegepäck fallen als die Türen sich schließen und die rollfähige Blechdose den Bahnhof verlässt. Warum heißt es eigentlich “Reisegepäck”, ist es doch nur ein bruchteil aller Utensilien, die man bei sich führt, die man wirklich während der Reise benötigt, während es doch mitunter fünfundneunzig Prozent des Gepäcks sind, welche einem das Reisen mit der Bahn - und die unvermeidlichen Umstiege - zur Qual werden lassen? Wer braucht schon zehn Paar Socken und einen Rasierapparat für sechs Stunden im Zug,  wer wechselt binnen dreihundertsechzig Minuten - davon fünfundsiebzig an irgendwelchen zugigen Bahnsteigen oder Perrons, wie es viel schöner klingt -  fünfmal das Oberteil und wäscht sich die Haare mit einer vollen Flasche Shampoo bis sie leer ist?
Warum, the fuck, muss das ganze Theater also Reisegepäck heißen. Wäre “Ballaststoffe” - denn überwiegend ist es ja Stoff oder Stoff vorgaukelndes Material - nicht viel treffender?
Aber gut, sei es wie es ist, wurde der Ballast doch gepackt - in den Rucksack, auf die Gepäckablage, liegt drohend über den am Fenster sitzenden Pendlern, die unüberlegt darauf vertrauen, dass ebenjene Metallgitterstreben die Erinnerung an eine gute Woche tragen können.

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Jul
29
2009
7

neuland-variationen

neuland … (I)

verwirrte Suppe,
Liebesschwüre, im Regen
die Ehe erweiternd,
gut.
Zeuge zu sein, wenn
Neues entsteht,
mein gütiges Lächeln, mein
einzig möglicher Ausdruck
der Freude, weil
alle Sinne strahlen.

Welch’ Gnade, ohne
Angst

neuland … (II)

an ungewohnten Ufern
strandend, wirst
du empfangen von
welchen, die warten,
dich erwarten.

für diesen Tag
haben sie das Boot gebaut,
segeln fort mit dir
von allen Küsten hin
zum unentdeckten Land.

neuland … (III)

flirren, bibbern und wabern,
alles im Vagen,
Frau Sehnsucht zittert vor Freude,
lässt Hägepfade höher schlagen.

im Schatten des Nachtmahrs von
vorne kommend schleicht der alte
Affe A. heran, verwandelt
Beben in Kälte.

Am Fuß der greifenden Borkenranke ist
das Ufer entschwunden,
des hirschgekrönten Feuervogels Kinder
drängen dich zu gehen.

Oh, Buttermond, leuchte
den Weg zum unentdeckten Land.

PS: Flauscherl, du weißt, wem ich es verdanke und widme.

Written by pillenknick in: [ˈlyːrɪk] | Schlagworte: , , , , , ,
Feb
17
2009
2

we shall overcome

noch ist nicht alles verloren.

joan baez: we shall overcome

danke an erik, der mich mit “sag mir, wo die blumen sind” wieder zu den alten liedern brachte - eine erinnerung an die anti-nazi-demo am 1. mai 2007 in dortmund.

Dez
03
2008
2

der letzte tag im alten system oder: holla, die waldfee

sie lehnt sich zurück in ihren mit grünem plüsch gepolsterten schaukelstuhl und hebt die leere braune bierflasche so, dass sie durch den hals der flasche in die welt schauen kann. sie weiß ob der leere der flasche, doch sie genießt den ausblick durch den flaschenhals, den sepiaartig abgedunkelten fokus auf einen der bausteine des waldes vor lauter bäumen. irgendwo in der ferne – ohne die flasche findet sie sie nie – steht eine alte, knorrige eiche. sie weiß nicht, woher diese wunde stammt, doch stets muss sie auf diesen klaffenden riss, der sich über den stamm vom boden bis zu den ersten tragenden ästen zieht, starren, von tag zu tag wuchert das kletternde moos und schiebt sich den baum hinauf, der schorf verwebt sich zu einem dichten, weichen, saftigen grünen und stützenden teppich, während sie tagtäglich aufsteht, kaffee in einem alten emailtopf auf einem antiken elektroherd kocht, ihn mit zittrigen händen durch einen seidenen filter – das magenta halstuch hatte ihr noch nie gefallen – gießt und sich dann, mit dem blechernen weißen kaffeepott und einer schrumpeligen apfelsine in den händen, immer kleinschrittiger durch den verzogenen türrahmen auf die terrasse begibt, sich in ihren knarzenden schaukelstuhl setzt und kaffeepott und orange neben sich auf das einst tannengrün gestrichene, nun lackabblätternd dekadengrün verwitterte tischchen niederlässt. vor geraumer zeit hatte sie zuletzt besuch empfangen und so hat sie mühe, die gestalt, die sich ihr durch den flaschenhals auftut, als mensch zu identifizieren, es wird ihr erst gewahr, als die fremde person – ein mann, so meint sie sich zu erinnern – vor ihr die krachenden treppenstufen zu ihrer hütte im wald emporsteigt. in einem anflug von verwirrung nimmt sie einen trockenen schluck aus der entleerten flasche und legt das glasgeschöpf dann in ihren schoß und bettet ihre hände wärmend darauf.

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Nov
25
2008
0

passacaglia spontanea

unter dem kristallflockenschweren grauen baldachin
gehe ich an des
dementen väterchens frostiger hand
in der weißen wüste spazieren,
die uns bald so
aufgenommen wie vergessen hat.

wir wandeln auf nie gegangenen
pfaden entlang des nächtenen waldes
und die glocken des winters
schellen ihr unrhythmisches lied.

musik: rolf lislevand - passacaglia spontanea. (ich wünscht, ich könnt’s euch geben, aber es ist unauffindbar)

Written by pillenknick in: [ˈlyːrɪk], fanum | Schlagworte: , , , , , , , , , , ,

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